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Der Apfelschuss in Gsteig bei Gstaad

Vom Garten Eden bis nach Küsnacht

Die Wandmalereien im Sockelgeschoss eines bäuerlichen Wohnhauses in Gsteig waren nur noch als Fragmente zu erkennen, die Wände des ehemaligen Heizungsraums geschwärzt, die Motive kaum sichtbar. Erst die Bauuntersuchung 2014 brachte die reich dekorierte Bilderwelt wieder zum Vorschein – einen wahren Schatz.

Technische Angaben zu Restaurierung

Gsteig bei Gstaad. Müligässli 4.
Restaurierung der Kellermalereien:
2010-2011
Bauherrschaft: Familie Linder
Architekten: Matthias Trachsel, Blankenburg
Restauratoren: Fischer & Partner AG Restauratoren, Bern
Archivrecherche: Bendicht Hauswirth, Saanen
Bauberatung Denkmalpflege: Fabian Schwarz (Bauberatung); Georges Herzog (kunsthistorische Recherche)
Unterschutzstellung: 2015
Beiträge: Kanton (Lotteriefonds/Polizei- und Militärdirektion), Christian Rubi-Fonds
Literatur: Michael Fischer, Fischer & Partner AG Restauratoren, Raumbuch und Dokumentation, 2014; Bendicht Hauswirth, Archivrecherche, 2014.

 

 

  

                          

Durch die transdisziplinäre Zusammenarbeit von Denkmalpflege, archäologischem Dienst, dem lokalen Historiker, dem Restauratorenpaar, den Architekten und der engagierten Bauherrschaft liessen sich einige Fragen zur Deutung der Malereien beantworten. Über viele Hintergründe kann aber weiterhin nur spekuliert werden. Die Wandmalereien im Sockelgeschoss des bäuerlichen Wohnhauses in Gsteig waren vor der Restaurierung nur noch als Fragmente zu erkennen. Da der Raum lange Zeit als Heizungsraum genutzt wurde, waren die Wände geschwärzt, die Motive kaum sichtbar.

Nach einer sorgfältigen Reinigungsaktion gelang es den Restauratoren, die Themenkreise der Darstellungen aufzuschlüsseln. Der Eingangsbereich führt zusammen mit dem Gewölbe in einen Garten Eden. Weinranken, Blumen und Puten leiten in den festlich geschmückten Raum auf der rechten Seite. Die Eintretenden sehen zu ihrer Linken einen Chevalier, der durch den Garten schreitet und dem Betrachter zuprostet.

Überraschend deutlich tritt auch das Bildthema der Wand rechter Hand zutage: In der Bildmitte erkennt man Küssnacht mit der Gesslerburg, flankiert vom übergross dargestellten Gessler hoch zu Ross auf der linken und der Apfelschussszene auf der rechten Seite. Tell hat die Armbrust angelegt, Sohn Walter steht mit dem Apfel auf dem Kopf vor einem Baum. Sowohl Tell als auch Walter scheinen Kleidung in den Urner Standesfarben Gelb und Schwarz zu tragen. Bei Tell sieht man den demonstrativ eingesteckten zweiten Pfeil deutlich. Zwischen den beiden ist als weiteres Detail Gesslers Hut auf einer Stange zu erkennen. Die Malerei reicht an dieser Wand nicht bis zum Boden, vermutlich stand hier ehemals eine Sitzbank.

Die Malereien der gegenüberliegenden östlichen Wand sind am schlechtesten erhalten, über deren Inhalt kann nur gerätselt werden. Spiralranken mit Weintrauben greifen in ein nahezu quadratisch schwarz gerahmtes Feld, über dem die Kreuzinschrift INRI (Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum) zu sehen ist. Der Inhalt dieses Rahmens ist unklar. Von rechts scheint eine männliche Figur in Rüstung hineinzutreten. Diese Figur erinnert am ehesten an einen römischen Soldaten mit Lanze. Auf der linken Bildseite ist die Figur einer Frau zu erkennen. Da aber keine wirklichen Spuren für eine Kreuzigungsdarstellung zu finden sind, ist diese Interpretation spekulativ.

Mittelalterlicher Vorgängerbau

Anhand von vergleichbaren Gemälden und der Gegenüberstellung der Kleidung können die Malereien stilistisch in die Mitte des 17. Jahrhunderts datiert werden. Diese Datierung passt zudem zu den Resultaten der dendrochronologischen Analyse (Datierungsmethode, bei der die Jahresringe von Bäumen anhand ihrer unterschiedlichen Breite einer bestimmten, bekannten Wachstumszeit zugeordnet werden) des Bauernhauses von 1641.

Die untersuchten Holzbalken des Sockelgeschosses sind hingegen deutlich älter und können ins späte Mittelalter zurückdatiert werden. Die Zusammensetzung der Mauermörtel lässt ebenfalls auf das späte Mittelalter schliessen. In Anbetracht des annährend quadratischen Grundrisses gehen wir von einem spätmittelalterlichen Vorgängerbau aus, von diesem ist das heutige Sockelgeschoss noch erhalten.

Weinreben im Garten Eden (Foto: Michael Fischer, Fischer & Partner AG Restauratoren, Bern).

Eine Wirtschaft aus dem 17. Jahrhundert?

Nicht eindeutig kann die Frage der ursprünglichen Nutzung des bemalten Raumes beantwortet werden. Am ehesten ist von einer Schenke oder einer Sust (Güterumschlagplatz zur Zeit des Säumerwesens) auszugehen, befindet sich doch der imposante Bau an den bedeutenden Handelsrouten über den Sanetschpass und den Col du Pillon. Künftig wird der Raum nur noch sanft genutzt und an bestimmten Tagen zugänglich gemacht. Fabian Schwarz